Wut regulieren
Professorin Cassie ist wütend auf einen Studenten, der mit dummdreisten Fragen stört.
Sie hat sich das ganze Seminar über zusammengerissen, aber in der Pause muss sie sich abreagieren. Sie geht zu ihrem Kollegen Anton, der kann immer gut mit ihrer Wut umgehen.
Er sitzt ruhig an seinem Schreibtisch, während Cassie durch sein Büro läuft und die Situation mit dem Studenten erzählt. Nachdem sie sich mehrfach wiederholt hat, wird sie ruhiger. Sie setzt sich ihm gegenüber und bedankt sich dafür, dass er immer ein offenes Ohr für sie hat.
„Du kannst immer gern herkommen. Dennoch möchte ich dir eine Anregung geben. Ich glaube, du könntest lernen, deine Wut selbst zu regulieren.“
Cassie ist verdutzt. Sie weiß nicht, was es heißt, Wut zu regulieren. Geht das wie bei einem Thermostat? Sie kennt nur 0 und 100.
Anton schmunzelt. „Es geht nicht darum, etwas zu verdrängen oder schönzureden. Du sollst auch nicht in der Situation ausrasten. Es geht um dein Nervensystem. Das kann in Stress geraten oder entspannt bleiben. Das Ziel wäre, dass du dich selbst beruhigen kannst, ohne die Anwesenheit einer anderen Person.“
Cassie geht ihre Erinnerungen durch. Wenn sie sich früher über ihren Mann aufgeregt hat, hat sie es ihrer Freundin erzählt. Wenn die Kinder sie genervt haben, musste ihr Mann zuhören. Als ihre Mutter sie wütend gemacht hat, war ihr Bruder gefragt. Es ist Zeit für etwas Neues. Sie weiß auch schon, wie sie sich selbst regulieren kann. Es gibt viele Situationen, in denen sie sich auf ihren Atem konzentriert und dadurch wieder ruhiger wird. Nur, wenn sie wütend ist, hat sie das noch nie gemacht. Sie war einfach nicht auf die Idee gekommen.
In dem nächsten Seminar mit dem provozierenden Studenten spürt sie ihre Wut schon, bevor er etwas sagt. Sie kann aber nicht durchatmen, denn sie ist mitten in einem Vortrag. Sie spricht weiter und spürt, wie die Wut immer stärker hochkocht. Sie hilft sich, indem sie eine Frage stellt. Sie kann durchatmen, doch der Student meldet sich. Sie lässt zuerst jemand Anderen antworten und atmet dabei weiter. Dann nervt der Student wieder mit einer sinnlosen Theorie. Cassie weiß schon, was sie darauf antworten wird. Trotzdem atmet sie noch einmal tief durch. Ihr Geist wird leer und sie sagt einfach Danke. Sie wendet sich einer Studentin mit einer interessanten Wortmeldung zu und diskutiert angeregt mit ihr. Sie spürt, wie ihre Wut verebbt. Die Diskussion macht ihr Spaß. Dann meldet sich der junge Mann noch einmal zu Wort. Wut steigt in ihr auf, aber nicht so stark wie sonst. Wieder antwortet sie seinen kruden Ausführungen mit einem freundlichen Danke. Als er sich das dritte Mal meldet, atmet sie, bleibt entspannt und reagiert mit einem Nicken, bevor sie fortfährt.
Sie ist stolz darauf, dass sie ihr Nervensystem selbst reguliert hat. Eine Weile bleibt der junge Mann still, danach meldet er sich mit einer interessanten Idee zu Wort. Cassie staunt und geht darauf ein. Sie sieht ihn plötzlich mit anderen Augen und ihm geht es genauso. Nun können sie ihre Beziehung neu definieren.
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