Schmerzen zuhören
Professorin Cassie putzt ihren Kühlschrank. Dabei fällt ihr das Wischtuch auf den Boden. Sie beugt sich hinunter, um es aufzuheben. Plötzlich fährt ihr ein stechender Schmerz in den Rücken. Sie holt tief Luft, aber sie kann sich kaum bewegen. Sofort denkt sie an ihre Pläne für den Abend. Sie wollte mit einer alten Freundin, die in London lebt und gerade in Berlin ist, ausgehen. Zuerst in ein Restaurant, dann in eine Bar und anschließend in einen Club. So, wie sie es als Studentinnen immer gemacht haben. Unseren gemeinsamen Partyabend kann ich mir abschminken. Das wird nichts werden. Ich bin so doof. Warum stelle ich mich bloß so ungeschickt an. So kann ich ja nicht tanzen. Was für ein Mist! Ich bin so doof ... Ihre Gedanken wiederholen sich, aber es dauert einen Moment, bis ihr das auffällt.
Sie hält inne, atmet tief durch und ignoriert ihre verurteilenden Gedanken. Mühsam humpelt sie ins Bad und nimmt zwei Schmerztabletten. Dann schlurft sie ins Wohnzimmer, lässt sich lang aufs Sofa sinken. Den Party-Abend kann ich mir abschminken. Morgen fährt sie wieder. Wer weiß, wann wir uns dann wiedersehen. So ein Mist. Blöder Rücken. Blöde Schmerzen. Warum bin ich bloß so ungeschickt.
Beim nächsten tiefen Atemzug bemerkt sie, wie sie sich wieder verurteilt und beschimpft. Sie überlegt, ob sie sich noch eine Spritze geben lassen kann, doch es ist Freitagnachmittag, zu spät für einen Arztbesuch. Das ist doch ungerecht. Jetzt habe ich einmal was vor und mein Rücken lässt mich im Stich und das Gesundheitssystem auch. Das ist so gemein. Ihr kommen die Tränen vor Schmerz, Wut und Frust.
Sie holt unwillkürlich tief Luft. Ihr wird bewusst, dass ihre Gedanken überhaupt nicht hilfreich sind. Sie legt die Hände aufs Herz und atmet ein paar Mal durch. Plötzlich hat sie das Gefühl, dass sie ihrem Rücken Unrecht getan haben könnte. Entschuldigung, lieber Rücken. Du kannst ja nichts dafür, dass ich mich so komisch gebückt habe. Du bist ja auch keine 20 mehr. Sie schämt sich plötzlich. Was für ein Quatsch, mit meinem Rücken zu sprechen. Außer, wenn meine Zellen meine Worte hören und meine Gefühle spüren könnten. Dann wäre es sinnvoll. Cassie muss schmunzeln, denn so argumentiert ihre Tochter. Okay, lieber Rücken, mal angenommen, dass wir kommunizieren könnten. Was soll ich jetzt tun? Was brauchst du von mir? Plötzlich erscheint das Bild von ihrer Freundin vor ihrem inneren Auge. Sie sitzt mit einem Glas Wein neben Cassie auf ihrem Sofa. Auf dem Tisch stehen Schüsseln voller Salat. Sie reden und lachen.
Cassie ruft ihre Freundin an, erzählt ihr von dem Hexenschuss und lädt sie zu sich nach Hause ein. Sie wird etwas zu essen bestellen. Erstaunlicherweise stimmt die Freundin zu. Sie ist selbst etwas angeschlagen und würde einen gemütlichen Abend sehr schön finden.
Zwei Stunden später sitzen die alten Freundinnen mit Wein, Nudeln und Salaten auf Cassies Sofa. Sie hören Musik aus dem Radio, erzählen und lachen. Das war es doch, was sie sich gewünscht hatten. Cassies Rücken schmerzt schon viel weniger und sie ist dankbar dafür. Da entspannt sich ihre Muskulatur ein Stückchen mehr. Als hätte der Rücken sie gehört und sich gefreut.
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