Ich bin - das Bewusstsein. Vernunft

Die Erde ist beeindruckend in ihrer unfassbaren Größe, mit all den winzigen Details. Abermilliarden Lebewesen und Dinge sind hier zu Hause. Sie verändern sich langsam wie Stein oder schnell wie ein Atom. Für alles ist Platz. Alles ist beseelt von mir, dem Bewusstsein. Ich habe alles im Blick, gleichzeitig, jederzeit.

Die Menschen können nur wenige Dinge gleichzeitig wahrnehmen. Deshalb bin ich für sie ein großes Mysterium, über das die Philosophen und Theologen schon immer berichten und schreiben.

Die Universität ist ein großer klassizistischer Bau mitten in einer Stadt, die sich zu einer Millionenmetropole entwickelt hat. Das Gebäude hat einen beeindruckenden Hörsaal. Die Wände atmen all das Wissen, das in den letzten Jahrhunderten hier weitergegeben wurde. Generationen von Studierenden haben ihre Spuren hinterlassen. Großartige Gedanken und Inspirationen, aber auch Ängste und Widerwillen haben diesen Raum angefüllt. Die meisten Studierenden bemerken das schon beim Eintreten, ebenso wie Cassie, die hier schon lange lehrt.

Sie macht einen guten Job als Professorin, das weiß sie. Die Studierenden kommen gut mit ihr aus und finden mit ihrer Hilfe einen eigenen Zugang zu den Schriften. Doch Cassie zweifelt an sich. Sie glaubt, dass die Texte, die sie verehrt, inhaltsleer geworden sind. Wenn sie nur sehen könnte, was ich sehe. Cassies Erfahrungsschatz geht weit über die Lehren, die sie vermittelt, hinaus. Sie hat den Wissensstand der längst verstorbenen Philosophen an die Gegenwart angepasst. Überrascht schaut Cassie von ihrem Tablet auf. Ihr wird plötzlich bewusst, dass sie viel weiter ist, als die Autoren all dieser Bücher. Meine Botschaft hat sie erreicht. Das beglückt uns beide. Wir sind auf einer Wellenlänge, können einander inspirieren und verstehen. Doch dann schüttelt sie den Kopf. Sie kann diesen Gedanken nicht glauben. In der Schule haben ihre Lehrer ihr vermittelt, dass sie nicht schlau genug sei, dass sie niemals an die alten Gelehrten heranreichen könnte. Dieser Gedanke überschattete all ihre Studien. Sie hat Ihre eigenen Ideen und sogar sich selbst diesen Meistern untergeordnet. Doch nun wird ihr klar, dass sie als Professorin auf Augenhöhe mit den alten Philosophen ist. Es kommt ihr vor, als würde eine schwere Last von ihren Schultern fallen. Sie sieht das alte Buch vor sich, das sie als Studentin gebraucht gekauft hat. Es war die Basis für ihre Gedanken, aber jetzt hat sie eigenen Ideen, entwickelt sie weiter, verwirft und baut auf. Sie sind selbst in ihrer Widersprüchlichkeit vollkommen. Das merken alle, die mit ihr arbeiten, die bei ihr studieren oder ihre wissenschaftlichen Bücher lesen.

Sie schaut die gut gefüllten Stuhlreihen hinauf. Ein Großteil der tausend Plätze sind besetzt. Sind die alle für Kants Kritik der reinen Vernunft hier?, fragt sie sich wie so oft. Sie sind meinetwegen hier, durchfährt sie der Gedanke, den ich ihr geschickt habe. Sie lächelt und entspannt sich. Endlich akzeptiert sie die Erkenntnis, wie weit sie sich entwickelt hat. Von der staunenden Gymnasiastin über die ehrfürchtige Studentin und die belesene Lehrerin zur Meisterin, die nun Eigenes erschaffen kann. Voller Staunen und Freude wendet sie sich den Studierenden zu.

 

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