Ich bin - das Bewusstsein. Frühling

Die Welt ist wunderschön. Aus meiner übergeordneten Perspektive kann ich das Weltall und alle Lebewesen sehen. Sie sind vollkommen. Auf der Nordhalbkugel der Erde werden die Tage länger. Der Frühling zeigt sich in zarten Farben.
Im Park erscheint das erste Grün an Büschen und Bäumen. Die Sonne hat schon etwas Kraft, verbrennt die Haut aber nicht. Vor den Cafés stehen Stühle und Tische. Gäste in Daunenjacken sitzen dort und trinken Kaffeespezialitäten. In den Straßen flanieren die Menschen mit Getränken oder Handys in der Hand. Auf den Bänken im Park sitzen Leute, in ihre Social Media Accounts vertieft. Alle sind entspannt und heiter.
Cassie geht erstaunt zu ihrer S-Bahn-Station. Sie ist noch die winterliche Härte dieser Stadt gewöhnt. Mit Leichtigkeit hat sie noch nicht gerechnet. Ein Lächeln steigt ihr ins Gesicht und lässt es leuchten. Das ist der Moment, in dem sie zugänglich ist, für die Möglichkeiten, die diese Welt ihr bietet. Ich sende ihr eine schnelle Botschaft. Sei froh! Das ist die Haltung, in der ihr alle Möglichkeiten des Universums zur Verfügung stehen. Doch der Augenblick ist zu kurz, die Botschaft erreicht sie nicht. Sie greift reflexartig nach ihrem Handy, um ihre Nachrichten zu checken. Die Kinder haben sich nicht gemeldet. Sie sind jetzt erwachsen und haben gerade erst das Nest verlassen. Cassie hat keinen Blick für die Schönheit dieser Stadt. Sie versinkt in Einsamkeit, Trauer und Überforderung.
Als sie in der S-Bahn sitzt, ziehen die sonnenbeschienenen Straßenzüge an ihr vorbei. Aufmerksam liest sie auf ihrem Tablet die Seminar-Unterlagen, markiert einzelne Passagen. Die jahrhundertealten philosophischen Texte, die sie schon seit Jahrzehnten studiert, nerven sie. Seufzend wechselt sie in ihre Social Media Accounts. Wie gern wäre sie wieder jung. So wie ihre Kinder. Sie beneidet die Jugend um diese makellosen Körper, das perfekte Leben, in dem das ganze Jahr die Sonne scheint. Ihrer Ansicht nach steht nur der Jugend die ganze Welt offen. Wenn sie nur sehen könnte, was ich sehe. Wie ich, das Bewusstsein, mich seit Jahrmillionen ausdehne und mit mir alle Geschöpfe, die sich auf mich fokussieren.
Ein gleichaltriger Mann setzt sich Cassie gegenüber hin und schaut auf sein Handy. Sieh hoch! Ich versuche, Cassie eine Botschaft zukommen zu lassen. Tatsächlich hebt sie den Blick. Er fällt auf ein Café vor dem Fenster. Der Mann sieht es auch. Sie haben beide die gleiche Botschaft bekommen. Eines Tages werden sie ein glückliches Paar sein. Sie könnten sich jetzt kennenlernen, in den nächsten Tagen oder wenn sie ganz alt und grau sind. Das hat keine Bedeutung, denn sie sind vollkommen. Jeder für sich und beide zusammen. Ihr Leben wird glücklich und harmonisch sein. Wenn sie das nur erkennen könnten. Aber jetzt gerade haben sie keine Zeit. Sie fahren vier Stationen zusammen. Sie sind einander so nah und doch so fern. Cassie verzweifelt an den alten Texten. Anton ist nervös. Sie steigen an der gleichen Bahnstation aus, gehen gemeinsam zum Ausgang und die Straße entlang, ohne einander wahrzunehmen.
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