Gewohnheiten loslassen

Die Einsparmaßnahmen an der Uni treffen nun auch Professorin Cassie. Bisher hatte sie eine studentische Hilfskraft, die 20 Stunden in der Woche für sie gearbeitet hat. Nun stehen ihr nur noch 10 Stunden zur Verfügung. Die anderen 10 Stunden soll der Student für einen ihrer Kollegen arbeiten. Beide Professoren fühlen sich ungerecht behandelt. Sie halten alle Aufgaben für unverzichtbar und übertragen sie, wie bisher, dem Studenten. Nach einer Woche eskaliert es. Der Student hat 40 Stunden gearbeitet, statt der 20, für die er bezahlt wird. Er bittet Cassie inständig, eine Lösung zu finden. Doch sie empfindet diese Situation als auswegslos. Weder sie noch der Kollege wollen zurückstecken. Beide fühlen sich im Recht und der Student leidet unter ihrem Starrsinn.

Cassie geht auf dem Gelände der Uni spazieren, atmet tief durch, entspannt ihre Muskeln, die vor Stress ganz fest geworden sind. Sie hat früher selbst als studentische Hilfskraft gearbeitet. Es war ein guter Job, aber auch eine Belastung neben dem Studium. Vor allem die kurzfristigen Aufgaben ohne Deadline haben ihre gut strukturierten Zeitpläne kaputt gemacht. Cassie erkennt, dass sie es jetzt genauso macht wie ihr damaliger Professor. Sie gibt dem Studenten Aufgaben, wann immer sie ihr einfallen, und will sie sofort erledigt haben, sogar, wenn das Thema erst in einigen Wochen dran ist. Das könnte eine Lösungsmöglichkeit sein.

Sie geht ins Büro des anderen Professors. Der Student sitzt dort mit unglücklicher Miene, denn er muss sich einen Vortrag anhören. Dabei bräuchte er die Zeit für all die Aufgaben. Cassie bemerkt, dass es keinen Sinn macht, eine Lösung vorzuschlagen, weil sie beide weiter auf ihren Gewohnheitsrechten beharren werden. Trotzdem bittet Cassie den Studenten um seinen Stundenplan. Er teilt seinen elektronisch geführten Kalender inklusive einer langen To-Do-Liste mit den Professoren und huscht hinaus.

Cassie und ihr Kollege stürzen sich auf den Kalender. Sofort beanspruchen sie ihre Zeitfenster. Schnell sind die 20 Stunden ausgeschöpft, dabei stehen noch viele Aufgaben auf der Liste. Sie schweigen eine Weile und Cassie erinnert sich. Vor 15 Jahren waren sie fasziniert von der Arbeit des jeweils Anderen. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, denkt er Ähnliches. „Worüber habt ihr gerade geredet?“, will Cassie wissen. „Das klang interessant.“

„Oh ja. Das ist es. Du hast dich auch schon mit dem Thema beschäftigt.“ Sie beginnen ein Fachgespräch, wie damals. Sie debattieren, hinterfragen, finden neue Gedanken. In dieser aufgeschlossenen, inspirierten Stimmung kommen sie auf den Stundenplan und die Aufgaben zurück. Plötzlich ist es ganz einfach. Sie orientieren sich an ihren Seminarplanungen und verteilen die Aufgaben über das ganze Semester. Es bleiben nur wenige Dinge übrig, auf die sie auch verzichten können.

Beide sind froh über die Lösung. Sie verabreden sich zu einem regelmäßigen Gedankenaustausch, in dem sie offen und ohne Publikum diskutieren können. Sie haben nicht nur für den Studenten, sondern auch für sich selbst Freiraum geschaffen. So gehen alle drei zuversichtlich in das neue Semester.

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