Fremde Gefühle erleben

Professorin Cassie hat ihren Bruder Jonas in ihre Fünfzimmer-Altbauwohnung aufgenommen, nachdem ihre erwachsenen Kinder ausgezogen sind. Die beiden haben sich für das Wochenende vorgenommen, seinen Raum, das alte Zimmer ihres ältesten Sohnes zu renovieren.

Am Samstag tragen sie gemeinsam die Möbel ins Wohnzimmer. Cassie klebt die Leisten, Fenster, Steckdosen und Deckenkanten ab. Sie wollen gerade anfangen, als Jonas eine Textnachricht bekommt. Er sieht überrascht aus. „Ich muss kurz los. Ein Freund braucht meine Hilfe. Ich bin gleich wieder da.“

Cassie ist fassungslos. Wie kann er das tun? Sie will jetzt endlich streichen, aber sie sagt es nicht. Stattdessen sieht sie still zu, wie er sich umzieht und weggeht. Sie fühlt sich hilflos und verlassen. Das passt überhaupt nicht zu der Situation, denn sie ist die Heimwerker-Königin und er der Assistent. Sie atmet tief durch und erkennt, dass alles in Ordnung ist, dass sie weder hilflos noch verlassen ist. Sie versteht ihre negativen Gefühle nicht, denn sie freut sich seit Tagen auf die Renovierung. Sie macht sich Musik an und streicht die erste hohe Wand. Sogar auf der Leiter stehend macht es ihr Spaß.

Nach zwei Stunden kommt Jonas zurück. Er erzählt fröhlich, dass er einem Freund die neue Waschmaschine angeschlossen hat, weil der damit nicht zurechtgekommen ist.

„Dafür hast du mich mit der Arbeit hier alleingelassen?“, fragt Cassie ohne nachzudenken. Sie ist wie auf Autopilot.

Er sieht sie erstaunt an. „Du hast nichts gesagt. Ich dachte, es sei okay für dich, schon anzufangen. Du arbeitest doch eh lieber allein.“

Cassie nickt. „Das tue ich.“ Sie atmet mehrmals tief durch und plötzlich sieht sie eine Situation aus ihrer Jugend vor ihrem inneren Auge. Ihre Mutter wollte eine neue Deckenlampe montiert haben, aber ihr Vater fuhr noch mal weg. Die Mutter hielt ihn nicht auf und wartete wütend, bis er wieder da war und die Lampe anbrachte.

„Weißt du, dass unsere Eltern so ein Muster hatten?“

Er tunkt die Farbrolle in den Eimer und nickt nachdenklich. „Er ist immer weggefahren, wenn er etwas für sie erledigen sollte und sie hat beleidigt gewartet.“

„Genauso habe ich mich auch gefühlt. Dabei macht es gar keinen Sinn. Es kommt mir vor, als hätte ich ihre Gefühle kopiert.“

Cassie überlegt neugierig. Hat die Ähnlichkeit der Situationen tatsächlich diese schlechte Laune bei ihr ausgelöst? Hat sie sich zurückgesetzt gefühlt, weil sie es sich bei ihrer Mutter abgeschaut hat? Ist ihr Bruder weggefahren, weil er es von seinem Vater so gelernt hat? Sie kann diese Fragen nicht beantworten. Sie weiß, dass sie gern renoviert und es gut kann. Gleichfalls freut sie sich, dass Jonas mitmacht. Was immer das für Gefühle waren, sie gehören nicht in die jetzige Situation und passen nicht zu Cassie und Jonas. Fröhlich singend streichen sie das Zimmer fertig. Sie sind ganz bei sich selbst im Hier und Jetzt.

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