Enttäuschung verarbeiten
Professorin Cassie sitzt mit ihrem Kollegen Anton in seinem Büro. Sie genießen den Feierabend fernab vom Lärm des Studienbetriebs.
Anton fragt Cassie, ob er ihr etwas Privates erzählen darf. Sie soll ihm aber keine Ratschläge geben. Cassie kennt das schon. Es tut ihm gut, zu erzählen. Für Cassie ist das allerdings schwer. Sie will immer beraten, doch sie stimmt zu.
Er spricht nachdenklich von einem Streit mit seiner Ex-Frau. Cassie atmet tief und gleichmäßig, so wie er es tut, wenn sie sich mal wieder in seiner Gegenwart abreagiert. Er beschreibt eine Situation und sieht enttäuscht aus. Da spürt sie seine Enttäuschung - in ihrem eigenen Körper. Sie erklärt sich das mit den Spiegelneuronen im Gehirn, die es jedem ermöglichen, mit anderen mitzufühlen.
Antons Enttäuschung ist leise. Sie breitet sich wie eine feine Wolke in Cassies Oberkörper aus. So klar und entspannt hat sie Enttäuschung noch nie erlebt. Sie bemerkt plötzlich, wie enttäuscht sie selbst über das Scheitern ihrer Ehe ist. Das hat sie noch nie so gespürt, denn normalerweise sind Trauer, Wut und Enttäuschung verknotet wie Filz. Sie hatte noch nie die Möglichkeit, die Enttäuschung einzeln wahrzunehmen.
Während sie weiteratmet und Anton spricht, verbindet sich die feine Enttäuschung in ihrem Körper mit ihren Erinnerungen. Ohne die Trauer und Wut ist die Enttäuschung nicht überfordernd, nicht dramatisch. Es ist ein leises Bedauern, dass sie und ihr Ex-Mann nicht miteinander reden konnten, ohne zu streiten. Die Erkenntnis, dass sie nicht wussten, wie sie sich einander wieder annähern konnten. Sie atmet gleichmäßig weiter und spürt, wie die Enttäuschung sich in ihrem Körper bewegt, von ihrem Bauch in die Brust, in den Kopf und zurück. Als hätte sie jahrelang festgesteckt und wäre nun befreit worden.
Gleichzeitig hört sie Anton zu, der sie aufmerksam anschaut. Es kommt ihr vor, als würde er sehen, was gerade in ihr vorgeht. Das beruhigt sie. Schließlich beendet er seine Erzählung. Cassie weiß, dass er keinen Rat haben will, aber sie möchte ihre Erfahrung teilen. „Es war berührend, dir zuzuhören. Ich habe deine Enttäuschung gespürt und jetzt spüre ich meine eigene, die über meine Scheidung. Nein, darüber, dass mein Ex und ich das nicht hinbekommen haben.“
„Möchtest du darüber reden?“ Anton sieht sie interessiert an, sein Blick ist für sie wie ein Anker. Sie beginnt zu erzählen und lässt sich von dem Gefühl der Enttäuschung leiten. Langsam und leise spricht sie über die Konflikte von damals. So hat sie die Ereignisse noch nie betrachtet. Ohne das übliche Drama kann sie die Enttäuschung als ein Gefühl wahrnehmen, das sie nicht verdaut hat, weil es immer mit Wut und Trauer vermischt war. Als sie fertig gesprochen hat, kann sie die Enttäuschung immer noch spüren. Doch etwas ist anders. Die Enttäuschung hat ihren Platz in Cassies Erinnerung gefunden. Dort macht sie Sinn und hilft Cassie, ihre eigene Geschichte besser zu verstehen. Sie lächelt Anton an und versteht, warum er keine Ratschläge haben will. Über ihre eigene Achtsamkeit hat sie die beste Hilfestellung bekommen, die es gibt.
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