Das Leben aushalten
Professorin Cassie macht sich Sorgen um ihren Bruder Jonas, der bei ihr in der großen Altbauwohnung lebt, seitdem ihre Kinder ausgezogen sind.
Am Morgen bevor sie in die Uni gefahren ist, hat sie ihm Tee, Cola, Salzstangen und Medikamente in sein dunkles Zimmer gebracht. Doch es ist nicht seine Magenverstimmung, die sie beunruhigt.
Er ist seit langem depressiv und lässt sich helfen, doch etwas war heute anders. Mit mulmigem Gefühl kommt sie nach der Arbeit heim. Sie geht nicht sofort in sein Zimmer, wie sie es sonst gemacht hätte, sondern nimmt sich ein paar Minuten, um tief durchzuatmen und sich selbst zu regulieren.
Die Vorhänge sind immer noch zugezogen. Jonas liegt im Bett und starrt in die Luft. Er hat weder Fernsehen, Smartphone oder Musik in der Nähe.
Cassie fragt ihn, wie es ihm geht, aber er antwortet nicht. Sie setzt sich zu ihm auf die Bettkante, schaut ihn an. Obwohl sie schon viel über Depressionen gelesen hat, kann sie sich nicht vorstellen, was gerade in ihm vorgeht.
Da fällt ihr Blick auf einen Monatskalender aus Papier, den sie in der Apotheke geschenkt bekommen hat. Darauf sind alle Tage bis zum gestrigen angekreuzt. Es sieht aus wie eine lange Checkliste von Tagen, die erledigt sind.
Plötzlich hat sie eine Eingebung. „Wartest du darauf, dass du den heutigen Tag abhaken kannst?“
Er taucht plötzlich aus seiner eigenen Welt auf und sieht sie an. „Das ist alles, was ich tun kann.“
Cassie will ihn ermutigen, ihn aufbauen, aber sie lässt es. Sie hat keine Worte, die in seiner Welt Sinn machen könnten. Plötzlich begreift sie, wie schwer das Leben für ihn ist. Das Überleben scheint so anstrengend zu sein, dass jeder überstandene Tag ihm wie einen Sieg vorkommt. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie schwer das ist, was du gerade durchmachst, aber ich froh, dass du dir die Mühe gibst.“
„Ein kleiner Teil von mir weiß, dass es wieder besser werden wird.“ Seine Stimme ist schwach, aber klar.
„Wenn ich irgendetwas tun kann, um dir die Tage zu erleichtern …“ Sie hat plötzlich eine Idee. „Darf ich dir Musik anmachen?“
Sie geht zu der alten HiFi-Anlage und macht das Radio an. Es ist der Sender voreingestellt, der schon immer ihre Lieblingsmusik gespielt hat. Sie gibt Jonas die Fernbedienung in die Hand.
„Ich bin da, wenn du etwas brauchst“, sagt sie und küsst seine Stirn. Dann öffnet sie die Vorhänge ein wenig. Der Raum ist aufgeräumt, aber verstaubt. Sie wischt still die Regale ab, Da erklingt einer ihrer Lieblingssongs. Er macht den Ton lauter und sein Gesichtsausdruck verändert sich leicht. Offenbar fällt es ihm gerade ein bisschen leichter, sein Leben auszuhalten. Cassie ist froh darüber. Mehr kann sie nicht tun.
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