Autonomie anerkennen

Professorin Cassie hat Besuch von ihrer erwachsenen Tochter Betty. Zufällig findet Betty die Einladung zur Geburtstagsfeier ihres Onkels Jonas. Sie ist an Betty persönlich gerichtet. „Warum hast du mir die nicht gegeben? Ich werde ihm antworten.“

„Das habe ich schon gemacht. Ich habe auch schon ein Geschenk von uns allen.“

„Ohne mich zu fragen?“ Betty wirkt geschockt, aber Cassie achtet nicht darauf.

„Warum hätte ich dich fragen sollen. Wir hatten über die Feier gesprochen. Es war alles klar.“

Betty sieht enttäuscht aus. „Wie oft soll ich dir noch sagen, dass ich bei so etwas einbezogen werden will.“

Cassie ignoriert Bettys Bedürfnis. Sie ist der Ansicht, alles richtig gemacht zu haben. „Lass es gut sein. Die Sache ist erledigt.“

„Für mich nicht“, flüstert Betty. „Ich will nicht so von dir behandelt werden.“

Cassie ist genervt. Dabei weiß ein Teil von ihr, dass es falsch war, über Bettys Kopf hinweg zu handeln. Doch sie will es nicht wahrhaben, sondern an ihrer Idee von sich als fehlerloser Mutter festhalten. „Du solltest dankbar sein, dass ich für dich geantwortet habe.“

„Dein Ernst?“ Betty ist den Tränen nahe. „Du verstehst es einfach nicht. Es geht nicht um die Einladung, sondern um meine Autonomie. Ich will einbezogen werden, selbst antworten. Du sollst mich nicht wie ein kleines Kind behandeln.“

Cassie spürt, dass Betty recht hat, aber sie kann nicht damit umgehen. Sie wird wütend. „Jetzt mach da nicht wieder ein Drama draus.“

„Dieses Gespräch macht keinen Sinn. Selbst wenn ich dir noch tausend Mal sage, worum es mir geht, wirst du es nicht hören. Ich gehe.“

Nun erschrickt Cassie. Sie hört die Botschaft schon, aber ein Teil von ihr will ihre Tochter nicht wie eine Erwachsene behandeln. „Warte“, sagt Cassie mit schwacher Stimme. „Ich verstehe es. Du hast recht. Es war falsch, dir die Karte nicht zu geben. Es fällt mir schwer, dir die Verantwortung zu überlassen. Ich habe immer alles für dich gemacht und ich kann nicht damit aufhören.“

„Das musst du aber. Ich bin erwachsen und werde immer größere Entscheidungen treffen. Auch solche, die dir nicht gefallen. Ich habe schon lange ein Geschenk für Jonas. Ich werde mich nicht an deinem beteiligen.“  

Cassie fühlt sich übergangen. Statt zu meckern, atmet sie tief durch. Ihr wird klar, dass Betty sich eben genauso gefühlt hat. „Ich bin froh, dass wir das mal ausgesprochen haben. Es tut mir leid, dich übergangen zu haben. Ich werde das in Zukunft nicht mehr machen.“

Betty lächelt. Sie fühlt sich endlich wahrgenommen. Es ist für beide ein weiterer Schritt, um sich eine Beziehung als Erwachsene aufzubauen.

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