Achtsam zuhören

Cassie ist müde und erschöpft. Seit Tagen halten Rückenschmerzen sie nachts wach. Sie reagiert gedämpft auf alles, was ihr begegnet.

Normalerweise unterhält sie sich gern mit ihrem Sohn über sein Studium. Vor allem, weil sie als Professorin viel weiß und ihm bei vielen Dingen helfen kann. Ben erzählt begeistert von einem Job an der Uni, auf den er sich bewerben will, aber sie ist zu müde, um zu reagieren.

„Hörst du mir überhaupt zu?“

„Ich höre dir zu, ich bin nur sehr erschöpft.“

Ben ist mit dieser Erklärung zufrieden. Er erzählt weiter, Cassie erkennt die Irrtümer in seiner Bewerbung, aber sie bleibt stumm. Dieses Verhalten kommt ihr bekannt vor. Ihr Vater hat früher so auf ihre Anliegen reagiert. Er hat nie etwas kommentiert und das hat sie sehr verunsichert. Sie wollte es bei ihren Kindern anders machen, immer diskutieren, Ideen wie beim Ping Pong hin und her spielen. Doch jetzt kann sie es nicht. Ist das die Müdigkeit? Oder wird sie mit Mitte fünfzig wie ihr Vater?

Ihr Sohn bemerkt ihren Konflikt nicht. Ihr Schweigen scheint ihm nichts auszumachen. Im Gegenteil, er nutzt die Gelegenheit, seine eigenen Ideen für die Bewerbung ohne ihren Input weiterzuentwickeln. Er hört gar nicht mehr auf zu reden.

Cassie staunt. So kennt sie ihren Sohn gar nicht. Sie erinnert sich an sich selbst, als sie jung war. Und plötzlich begreift sie, warum ihr Vater nie geantwortet hat. Er wollte ihr den Raum geben, ihre Ideen auf ihre Weise zu entwickeln und zu überprüfen. Er hat sie ermutigt, ohne ihr reinzureden. So hat sie die Gespräche mit ihrem Vater noch nie zuvor gesehen. „Wie ist das, wenn ich einfach nur zuhöre?“

„Es ist ungewohnt, so viel Zeit zum Sprechen zu haben. Viel interessanter ist es, dass meine Meinung zu dem Job sich verändert, je länger ich darüber spreche. Irgendwie entwickelt sich meine Motivation, je länger du mir zu hörst. Ich frage mich, wo das enden wird.“

„Finden wir es heraus“, lächelt Cassie. Sie zieht ihre Aufmerksamkeit von ihren eigenen Ideen ab und konzentriert sich auf ihn. An einer Stelle erkennt sie seine Unsicherheit. Sie kann sie in ihrem eigenen Körper fühlen.

Er stutzt. „Du wirkst unsicher.“

Sie schüttelt den Kopf. Sie ist nur die Beobachterin.

„Es ist meine Unsicherheit, tatsächlich fühle ich mich der Kommunikation mit dem potenziellen Chef nicht gewachsen“, fährt er fort. „Sind das diese berühmten Spiegelneuronen, von denen man immer hört?“

Er macht sich Notizen, spricht über die nächste Anforderung des Jobs. Dabei strotzt er vor Selbstbewusstsein. Er spürt es und kann es an Cassies Körperhaltung überprüfen. So, wie sie früher die Argumente hin und her geworfen haben, kommunizieren sie nun ohne Worte.

Schließlich hat Ben über alle Aspekte seiner angestrebten Arbeit gesprochen. Seine Unsicherheiten und Stärken hat er in seinem Körper gespürt. Er hat mit dem Verstand das Pro und Contra abgewogen. Nun weiß er genau, warum und wie er sich bewerben wird. Cassie ist mit allem einverstanden. Ohne etwas zu sagen, ist sie den gesamten Entscheidungsprozess mitgegangen. Sie haben eine neue Ebene der Kommunikation erreicht.

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