Wozu brauchst du die Dinge?

Was glaubst du zu brauchen? Und wofür?

Für 2020 habe mir vorgenommen, in eine Identität hineinzuwachsen, die sich unabhängig machen kann von dem ganzen Krimskrams, der in meinen Schränken und Schubladen lebt. (Meinen guten Vorsatz kannst du hier nachlesen.)

Ich habe ein kleines Arbeitszimmer. Laut Grundriss ist es 9 qm groß. Darin stehen ein Schreibtisch mit Stuhl, ein Sessel, zweieinhalb Regale, ein Sideboard und ein langer, schmaler Teppich, auf dem ich das Putten eines Golfballs üben kann. Er eignet sich auch gut für Dehnübungen. Entweder dieser Raum ist magisch oder ich kann mich auf kleinstem Raum bewegen.

Am Wochenende stand ich vor einer geöffneten Schublade, vollgestopft mit Tüddelkram und habe mich gefragt, was ich davon wohl brauche.
Alles, rief eine Stimme.
Wofür denn bitte?
Wir machen es gemütlich.
Eine Schublade macht es doch nicht gemütlich.
Du kannst uns nicht wegwerfen. Das alles kannst du irgendwann noch mal gebrauchen. All die Konzert- und Postkarten, die Knöpfe.
Wozu genau brauche ich die?
Wir beschützen dich.
Vor dem Schubladenmonster?
Nein. Vor der Leere. Damit kannst du nicht umgehen.
Das stimmt. Ich mag keine leeren Schreibtische und keine leeren Fensterbänke. Von leeren Schubladen wusste ich bisher nichts.
Ich stelle mir vor, wie das Zimmer aussähe, ohne den ganzen Kleinkram, ohne meine Beschützer. Die Schubladen wären leer. Ich bräuchte das Sideboard nicht mehr und könnte wieder ein Sofa aufstellen.
Das wäre toll.

Plötzlich spüre ich, wie die Dinge im Sideboard sich versammeln. Sie demonstrieren, werfen all ihre Kraft in die Waagschale, damit ich das Sideboard behalte und sie ihren schönen warmen Platz.
Doch die Idee von einem Sofa gefällt mir. Entschlossen leere ich eine Schublade.
Das kannst du nicht tun! Du brauchst uns.
Ihr haltet mich davon ab, dieses Zimmer nach meinen Wünschen umzugestalten.
Dann mach doch!
Ich will die Dinge in einen Müllbeutel tun, doch es geht nicht. Dieser Kram hat recht. Ich brauche ihn. Ich weiß nur nicht wofür.

Ich nehme den Schlüsselanhänger mit den Bremer Stadtmusikanten aus Stoff, den ich vor etwa 20 Jahren von einer Freundin geschenkt bekommen habe, in die Hand. Ich konnte ihn noch nie wegwerfen und werde es auch nie können. Davon bin ich überzeugt. Ich lege ihn wieder in die Schublade.

Die Kerze in Form einer Rose, die ich zu schön finde, um sie anzuzünden und die seit einigen Jahren in meiner Schublade auf irgendeine Verwendung wartet. Die Eintrittskarten von Konzerten und Kino-Vorstellungen. Was soll ich damit noch machen? Trotzdem brauche ich sie.

Das Ausmisten überfordert mich. Ich packe meinen Krimskrams so, wie er ist, wieder in die Schublade und schließe sie. Ich spüre, wie meine Sachen sich entspannen. Diese Runde haben sie gewonnen, aber so schnell gebe ich nicht auf.

Wozu brauche ich diese ganzen Souvenirs? Um mich an die schönen Erlebnisse zu erinnern? Dass ich Gossip im Konzert gesehen habe, hatte ich ganz vergessen. Wobei es mir sicher bei einer passenden Gelegenheit wieder eingefallen wäre.

Neulich habe ich mich mit meinen Freundinnen über die Konzerte unserer Jugend unterhalten. An die erinnere ich mich so gut, als wären sie gestern gewesen. Dazu brauche ich weder Tickets noch die Poster, die lange in meinem Jugendzimmer hingen. BAPs „Zwesche Salzjebäck und Bier“-Tour von 1984. The Cures „Kiss me kiss me kiss me“ von 1987, „The Mission“ 1988. Die haben mich so beeindruckt, ich weiß noch, mit wem ich da war, was am Rande passiert ist und habe sogar eine Vorstellung von meiner Kleidung.

Was wäre so schlimm daran, die Karten der Konzerte, die mich nicht so beeindruckt haben, einfach wegzuwerfen? Schließlich bin ich doch diejenige, die an die Macht des Unterbewusstseins glaubt. Ich vertrete doch die These, dass dort alles gespeichert ist, was ich je erlebt habe. Vertraue ich dem denn nicht? Doch, das tue ich.
Es muss einen anderen Grund geben.

Geht es vielleicht darum, etwas in der Hand zu haben? Die Erinnerung greifbar zu machen?
Sollten die Dinge etwa dazu dienen, mein inneres Erleben im Außen zu zeigen?

Ein interessanter Gedanke. Einer, den ich bisher nie hatte. Ich werde mich damit beschäftigen und ihn hier bald wieder aufnehmen.

Weißt du, wozu du deinen Krimskrams brauchst? Schreib es in die Kommentare.

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Kommentar von Regina Winkler |

Oh, das kenne ich. Wie oft habe ich schon Schubladen aus - und wieder eingeräumt. Es sind emotionale Fesseln. Vielleicht habe ich Angst vor dem Vergessen, vielleicht auch der Gedanke ich könnte es doch noch gebrauchen und manchmal weiß ich auch nicht wo ich es besser unter bringen könnte. Das meiste beschwert mich. Warum halte ich daran fest? Vielleicht sogar aus Bequemlichkeit- mir ist doch alles so vertraut. Im weitesten Sinne schützte mich die Schublade vor Veränderung...... es hängt so vieles an einer einzigen Schublade. Im Kopf, im Schrank, im Denken - egal wo sich die Schublade befindet- es ist. Veränderung die auf mich wartet. Danke für deine Anregung. Glg

Antwort von Alexandra Kusche

Liebe Regina,

"emotionale Fesseln" ist ein interessanter Ausdruck. Danke für deine Anregung. Es folgen sicher bald mehr Beiträge zu dem Thema. Schön, zu wissen, dass wir damit nicht allein sind.

LG, Alexandra

Kommentar von Petra |

Ich werfe eher schnell alles weg oder verschenke es, was ich schon öfter bedauerte. Deshalb hat sich mein Tempo etwas verlangsamt. Ich habe Notizbücher, Kartons, Dosen, in denen ich alles sammle, was mir wichtig ist. Ich sortiere öfter aus, so dass ich tatsächlich nur die Dinge habe, die bedeutsam für mich sind.
Ich habe keine persönlichen Dinge aus meinem Elternhaus mitnehmen können und vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass ich es nicht "kenne".
Wie ist es in Deinem Elternhaus? Wird da auch viel gesammelt?-:)

Antwort von Alexandra Kusche

Gute Frage, Petra. In meinem Elternhaus war sehr viel Platz für viele Dinge. Das ist bei mir jetzt nicht mehr so, LG Alexandra

Kommentar von Christine |

Mir geht es genauso wie dir, Alexandra! Und ich denke, dass es vielen so geht, liegt einfach daran, dass noch nie in der Geschichte der Menschheit so viele Menschen so viele Sachen besaßen. Wir haben nicht gelernt, damit umzugehen.

Antwort von Alexandra Kusche

Das ist ein guter Gedanke, Christine. Vielen Dank. Dann können wir ja jetzt einen Umgang damit entwickeln. LG Alexandra

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