Ich bin - das Bewusstsein. Zuhören

Im Universum ist alles klar. Nichts muss begründet werden. Alles ist berechtigt. Genau wie in der Natur auf der Erde. Bäume, Tiere und Gestein sind einfach. Das weiß ich, das Bewusstsein, ganz genau.
Bei den Menschen ist das anders. Die meisten von ihnen zweifeln, erklären, rechtfertigen sich und ihre Taten, um sich ihren Platz in der Gesellschaft zu sichern, um anerkannt oder geliebt zu werden. Da beginnen die Missverständnisse.
Cassie ist Professorin der Philosophie und hat schon viele wissenschaftliche Diskurse geführt. Sie liebt es, Argumentationen zu finden, Gegenreden zu halten und neue Ergebnisse zu bekommen. Das geht am besten in einer neugierigen, aufgeschlossenen Umgebung.
Doch in diesem Semester hat sich der Tonfall geändert. Einzelne Studenten missachten die Regeln. Sie beschimpfen Kommilitonen und Lehrende für ausgefallene Ideen. Neue Ansätze werden abgewertet. Cassie macht das wütend, weil sie die Gedankenfreiheit schützen will. In ihrer Vorlesung schreit der lauteste, Ronald, eine junge Frau an. Cassie schreitet ein.
Wenn sie nur wüsste, was ich weiß. Reden wird die Situation nicht lösen.
Cassie stutzt, als meine Botschaft bei ihr ankommt. Sie wird weder selbst schreien noch Gewalt anwenden. Dann fällt ihr eine weitere Möglichkeit ein. Sie hatte sich doch vorgenommen, ihm einmal in Ruhe zuzuhören. Also beendet sie die Diskussion und fordert ihn auf, später in ihrem Büro weiterzureden. Tatsächlich hört Ronald auf und die Studierenden beruhigen sich.
Nach der Vorlesung setzen sie sich zu zweit in Cassies Büro. Beide sind wütend und gekränkt. Er schimpft und beleidigt weiter. Cassie erwidert nichts. So schwer es ihr fällt, sie hört sich seine Halbwahrheiten, Lügen und falsche Schlüsse einfach an. Nach einigen quälend langen Minuten werden seine Worte unbedeutend für Cassie. Sie sieht einen jungen Mann, der sich an der Universität minderwertig fühlt und trotzdem alle anderen dominieren will.
Plötzlich fragt sie ihn, ob seine Eltern Akademiker sind. Als Antwort braust er auf, denn Cassie hat den wunden Punkt getroffen. Sie lässt ihn weiterreden und schimpfen. Langsam wird er müde. Er merkt selbst, dass er sich im Kreis dreht, keine neuen Argumente findet und er verstummt.
„Mein Vater war Busfahrer und meine Mutter Sekretärin“, sagt Cassie.
Er antwortet nicht, weil er viele Fragen hat. Er ist zu stolz, um sie zu stellen, kämpft mit sich, fängt immer wieder Sätze an oder lässt Fragen in der Luft hängen. Cassie gibt ihm den Raum und wartet ab.
„Wie haben Sie das gemacht?”, will er schließlich wissen.
„Ich bin meinen Interessen und Talenten gefolgt. Ich liebe Texte, Logik, neue Ideen. Ich kann tiefliegende Zusammenhänge erkennen und ich bin kreativ. So bin ich hier gelandet.”
Sein Gesicht hellt sich auf. “Ich weiß genau, was Sie meinen.”
Cassie nickt. “Dann sind Sie hier richtig. Besinnen Sie sich darauf, spielen Sie damit, erweitern Sie Ihren Horizont. Widerlegen Sie meine Theorien.”
„Niemals”, platzt es aus ihm heraus. „Ich feiere die.”
Cassie lächelt. “Dann erweitern oder vertiefen Sie sie. Wachsen Sie an den Diskussionen. Entwickeln Sie eigene Theorien und messen Sie ihre Ideen mit denen von Anderen. Nutzen Sie Logik statt Beleidigungen. Die Möglichkeiten bieten wir Ihnen hier.“
Sein Gesicht verdunkelt sich. „Es tut mir leid. Ich will eigentlich niemanden kränken. Ich fühle mich so schnell angegriffen und habe nie gelernt, so zu argumentieren, wie Sie es tun.“
„Dann tun Sie es jetzt. Das ist der Sinn dieses Fachbereichs, wenn nicht der ganzen Universität.“
Er strahlt über das ganze Gesicht. Es kommt Cassie vor, als säße ein anderer Mann vor ihr, er wirkt neugierig, aufgeschlossen, klug. Sie kann nicht wissen, dass sein Leben durch ihr tiefes Zuhören eine andere Wendung genommen hat.

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