Ich bin - das Bewusstsein. Zeitdruck

Das Universum hat Zeit. Seit fast 14 Milliarden Jahren entwickelt es sich kontinuierlich. Das kann ich, das Bewusstsein, gut sehen. Für die Menschen ist dieser Zeitraum nicht fassbar. Sie haben sich am Tages-, Mond- oder Jahres-Rhythmus orientiert, sind dann aber viel weiter gegangen mit Minuten, Sekunden und Millisekunden. Das ermöglicht ihnen einerseits große Genauigkeit und technischen Fortschritt, andererseits erzeugt es viel Druck.
Cassie bedauert es gerade sehr, dass der Tag nur 24 Stunden hat. Sie will zu einem Kongress fahren, auf dem sie einen Vortrag halten wird. Darauf freut sie sich schon seit einem halben Jahr. Der Text ist fertig, das Köfferchen ist gepackt, doch ihre To-do-Liste ist in den letzten Tagen extrem angewachsen. Die Mails der Studentinnen, die sie noch nicht beantwortet hat. Die offenen Fragen der Kollegen zur Orga der nächsten Wochen. Das Geburtstagsgeschenk für ihre Tochter. All das schwirrt in ihrem Kopf herum, während sie versucht, ihre Rede noch einmal auf hellgelbem Papier auszudrucken, so wie sie es bei einer Kollegin gesehen hat. Doch der Drucker zeigt seit einer gefühlten Ewigkeit eine Fehlermeldung an, die sich nicht beheben lässt. Dabei wollte sie längst zu Hause sein und die Wohnung in Ordnung bringen. Langsam verzweifelt sie. Wenn sie nur sehen könnte, was ich sehe. Sie hat mehr als genug Zeit, um alles hinzubekommen, aber all die unerledigten Dinge blockieren ihr Denken. Es ist eine große Fähigkeit des menschlichen Gehirns, sich an offene Aufgaben zu erinnern. Es ist allerdings eine Belastung, wenn eine vermeintliche Deadline ansteht. Die Abreise zur Konferenz, der bevorstehende Urlaub, sogar das Jahresende können so wirken. Plötzlich kommen Dinge in Cassies Bewusstsein, die Tage zuvor nicht wichtig waren. Sie will alles erledigen, obwohl sie bis nach dem Kongress liegen bleiben könnten. Cassie horcht auf. Sie hat einen Teil meiner Botschaft empfangen.
Sie wendet sich ihrem Kalender zu und notiert alles, was ihr im Kopf herumschwirrt als To Do für die Tage nach dem Kongress. Plötzlich wird ihr klar, dass sie alles Wichtige bereits erledigt hat – außer ihre Wohnung aufzuräumen und die Rede auf hellgelbem Papier auszudrucken. Sie staunt über sich selbst und klappt den Rechner zu. Sie will die Forschungsgemeinde mit neuen Erkenntnissen überraschen und nicht mit der Farbe des Papiers. Sie sieht sie sich in ihrem Büro um, sammelt alles ein, was sie zum Kongress mitnehmen will. Ihren Text auf weißem Papier, ihr Notebook, die Bücher der Kollegen, die sie dort treffen wird. Brille, Handy, Fahrkarte. Sie erinnert sich daran, wie lange sie sich auf den Kongress vorbereitet hat. Wie konnte sie nur vergessen, dass alles längst erledigt war?
Lächelnd schließt sie die Fenster. Da hört sie das Surren des Druckers. Ihre Rede kommt auf hellgelbem Papier heraus und ist sogar vollständig. Schmunzelnd legt sie die Blätter zusammen und steckt sie in die Tasche. Sie freut sich wieder auf die Reise und während sie die Universität verlässt, hat sie eine Idee, wie sie eine Doktorandin bei einer schwierigen Aufgabe unterstützen kann. Ihre Kreativität ist zurück.
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