Ich bin - das Bewusstsein. Streit

Verbindung ist ein Schlüsselprinzip des Universums. Kleine Elemente können sich zu größeren Einheiten verbinden. Atome werden zu Molekülen, Zellen zu Organismen. Der Mensch ist ein eigenständiges Ganzes und gleichzeitig abhängiger Teil seiner Familie, diese ein Teil der Gesellschaft und die ein Teil der Menschheit.
Das sehe ich, das Bewusstsein, ganz klar. Doch diese Verbindung ist vielen Menschen nicht mehr bewusst.
Die Professorinnen Cassie und Melanie waren Freundinnen, jetzt sind sie zerstritten. Ihre Werte waren immer unterschiedlich, doch seitdem die Gesellschaft in Lager zerfallen ist, konnten sie das nicht mehr ignorieren. Nach all den Konfrontationen sind sie verbissen und verbittert. Wenn sie nur sehen könnten, was ich sehe. Die beiden Frauen sind die beiden Seiten der gleichen Medaille. Sie haben unterschiedliche Meinungen, erleben aber die gleichen Gefühle. Cassie fängt meine Botschaft auf und hält inne.
Melanie wartet vor der Mensa und ist in die Inhalte ihres Handys vertieft. Cassie sieht Melanies angespannten Hals, die Zornesfalte zwischen den Augen und den verkrampften Kiefer. In diesem Moment spürt Cassie, wie sie selbst den Hals anspannt, die Augen zusammenzieht und die Zähne aufeinanderbeißt. In der Betrachtung ihrer Gegnerin erkennt Cassie ihre gemeinsame Angst. Vermutlich liest Melanie Nachrichten, denn abrupt schlägt der Ausdruck von Angst in Wut um. Das kennt Cassie von sich auch. Beide sind gut darin, ihre Angst zu verdrängen und die angestaute Energie als Wut rauszulassen. So hat Cassie das noch nie gesehen. Melanie bemerkt Cassie und schaut von ihrem Handy auf. Ihr typischer Blick aus kaum verhohlener Wut und Herablassung weicht schnell der Verblüffung. So interessiert und entspannt hat sie Cassie lange nicht mehr erlebt.
"Kein Angriff heute?", fragt Melanie schnippisch. Cassie will zurückschießen, aber erstmal atmet sie tief durch. So können beide meine Botschaft hören, dass dies die Gelegenheit ist, um den Streit zu beenden und die Kräfte zu bündeln.
"Ich bin müde", fängt Cassie an. "Ich habe Angst um diese Gesellschaft, Angst um meine Familie und mich. Ich würde mich am liebsten verkriechen, glaube aber, dass ich Widerstand leisten und die Welt vor Menschen mit deiner Meinung retten muss. Ich glaube, du weißt, was ich meine. Wie viel Energie das kostet, die mir für gute Lösungen fehlt."
Melanie lächelt plötzlich. "Ich sollte jetzt sagen, dass ich über all diese Emotionen erhaben bin, aber in Wirklichkeit geht es mir auch beschissen."
Die beiden lachen, denn Schimpfworte sind im Kollegium verpönt. Das Eis zwischen ihnen schmilzt. Sie können aber nicht damit umgehen. Sie haben gelernt, Andersdenkende bekämpfen zu müssen und wissen nicht, wie sie aus dem Streit herauskommen sollen.
Cassie fasst sich ein Herz. "Ich bedaure, dass diese Gesellschaft in polarisierte Lager zerfallen ist, und ich hasse es, dass du für das andere Lager kämpfst, aber ich schätze dich als kritische Geisteswissenschaftlerin und gute Freundin."
Melanie lächelt. "Mir geht es genauso. Du fehlst mir. Lass uns einig sein, uneinig zu sein."
Cassies Herz geht auf, um gleich wieder eng zu werden. "Wie soll das gehen?"
Melanie seufzt. "Keine Ahnung."
Ich lasse sie wieder die gemeinsame Not spüren und einen zarten Glauben, dies gemeinsam überwinden zu können.
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