Ich bin - das Bewusstsein. Straßenverkehr

Das Universum hat eine vollkommene Ordnung. Wenn man wie ich, das Bewusstsein, von weit oben schaut, bewegt sich alles in festen Strukturen. Es gibt jedoch Abweichungen. Die können klein sein, wie eine Wespe, die jemanden sticht, oder groß wie eine Meeresströmung, die das Küstenklima beeinflusst. Von diesen Abweichungen aus laufen die Dinge wieder in ihrem gewohnten Muster.
Die Menschen können diese Perspektive nicht einnehmen. Daher wirkt die Welt auf sie chaotisch.
Vor allem Großstädte finden viele Menschen schwer berechenbar. Dabei haben die Straßen und Gebäude eine klare Struktur, in der sich Menschen routinemäßig bewegen. Sie nehmen das allerdings nur selten wahr. Vor allem zum Feierabend finden sie den Verkehr chaotisch. Zwar schalten die Ampeln immer im gleichen Takt, doch der Wunsch, schnell nach Hause zu kommen, und der Ärger über volle Straßen, hindern die meisten daran, die zugrundeliegende Ordnung zu erkennen.
Cassie hat einen Kombi, in dem ihre ganze Familie Platz hat. Sie fährt gern damit. Die Energie ihrer inzwischen erwachsenen Kinder ist auf der Rückbank gespeichert. Die Erinnerungen an den letzten gemeinsamen Urlaub, die Müdigkeit, als sie ihre Tochter nachts von einer Party abgeholt hat. Sie kennt die Strecke zur ersten Wohnung ihrer Tochter gut, ist sie in den letzten Wochen oft gefahren. Die Hektik in der Stadt fällt ihr auf.
Ruhig fährt sie eine Straße mit drei Spuren pro Richtung entlang. Sie bleibt auf der mittleren Spur, passt sich dem Rhythmus des Verkehrs an. Jedoch ist sie in Gedanken versunken, fährt wie auf Autopilot. Wenn sie nur sehen könnte, was ich sehe. Aus meiner Vogelperspektive erkenne ich ein Muster, das zu einem Unfall führen wird. Der SUV rechts vor ihr wird gleich einem Radfahrer ausweichen und auf Cassies Spur ziehen. Meine Botschaft lässt sie aufhorchen. Sie atmet ruhig und richtet ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Straße vor sich. Nun muss sie die richtigen Beobachtungen machen und die passenden Schlüsse ziehen. Bestimmung und freier Wille fallen zusammen, aber das weiß sie nicht.
Cassie bemerkt eine Abweichung im Verkehrsfluss vor ihr. Als sich links von ihr eine Lücke auftut, blinkt sie und fährt hinein. In diesem Moment wechselt der SUV abrupt die Spur. Dorthin, wo eben noch Cassies Wagen war.
Verblüfft sieht sie zu dem SUV hin. Der Fahrer ist rot im Gesicht und schimpft – für sie unhörbar. Sie wissen beide, dass sie knapp einem Unfall entgangen sind. Cassie fragt sich, warum sie die Spur gewechselt hat, doch sie findet keine rationale Begründung. Sie erinnert sich an ein Gefühl, oder besser gesagt eine Gewissheit, dass sie die Spur wechseln solle. Sie war nicht abgelenkt oder auf Autopilot, sondern ganz präsent. Cassie war offen für die Intuition. Sie ist ihr gefolgt, bevor sie darüber nachdenken konnte. Der Gedanke, dass ihre innere Stimme und ihr Körper sie ohne Zutun des Verstandes gerettet haben, erschrickt und fasziniert sie zugleich. Doch sie nimmt es an und ist dankbar, dass nichts passiert ist. Das ist das Beste, was sie für sich tun kann.
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