Ich bin - das Bewusstsein. Schutzengel

Das Universum entwickelt sich, doch den Menschen kommt es statisch vor. Die Eintagsfliege macht die gleiche Erfahrung, wenn sie auf dem Finger eines Menschen landet. Ich, das Bewusstsein, bin so groß, dass ich für die Menschen unsichtbar bin. So, wie der Mensch für die Eintagsfliege unsichtbar ist. Ich bin die verbindende Kraft. Ich durchdringe Menschen, Planeten, Raum und Zeit.
Cassie, die Wissenschaftlerin, die Philosophin, muss auf dem Weg nach Hause an einer Ampel warten, an der eine Hauptstraße in eine andere einmündet. Die Autos fahren auf die Menschen an der Ampel zu, um dann vor ihnen rechts abzubiegen und wegzufahren. Millionen Autos passieren diese Einmündung, doch Cassie malt sich seit Jahren jeden Tag Schreckensszenarien aus. Wenn die Autos auf sie zukommen, sieht sie sich durch die Luft fliegen. Dabei weiß sie genau, dass die Straße vor ihr abknickt und die Autos vor ihr vorbeifahren. Wenn sie nur wüsste, was ich weiß. Es gibt einen Tag im Jahr 2025, an dem ein Betrunkener die Kontrolle über seinen Wagen verlieren und geradeaus in die Wartenden fahren wird. Allerdings übersteigt es Cassies Vorstellungskraft, dass sie seit Jahren von einer Situation aus der Zukunft gequält wird.
An einem Februarabend wartet sie im Dunkeln an dieser Ampel. Sie wird geblendet von den Scheinwerfern der Autos, die auf sie zuzurasen scheinen. Wie immer, wenn sie da steht, ist ihr Körper voller Energie. Sie ist nervös, genervt, verurteilt sich für ihre Nervosität. Da kommt der Betrunkene herangerast. Tritt beiseite, sage ich zu ihr, aber sie reagiert nicht. Sie ist an dieser Ampel jeden Tag in Alarmbereitschaft, dabei ist noch nie etwas passiert. Sie glaubt ihrem Gefühl schon lange nicht mehr und spürt nicht, dass sie wirklich in Gefahr ist. Der Betrunkene ist zu schnell unterwegs. Er wird die Rechtskurve nicht schaffen, sondern geradeaus weiterfahren und Cassie erwischen.
Tritt beiseite, sage ich. Sie hört meine Botschaft nicht, weil sie ängstlich und nicht präsent ist. Also greife ich zu stärkeren Maßnahmen. Ich weiß alles über Cassie, kenne alle ihre Stärken und jeden ihrer Schwachpunkte. Ich triggere ein altes Muster. Das hat sie entwickelt, als ein Junge in der Schule sie schlagen wollte. Sie springt beiseite und läuft ein paar Meter weg, nicht ohne das junge Paar neben sich zu packen und mitzuziehen. Sie weiß nicht, warum sie das tut. Die jungen Leute meckern lautstark, während sie von der Ampel wegstolpern. Der Betrunkene bemerkt, dass er die Kurve nicht kriegt. Er schlingert, fährt auf den Bürgersteig. Eine Hecke stoppt seinen Wagen. Cassie und das junge Paar stehen fassungslos ein paar Meter entfernt in Sicherheit. „Gracias“, stammelt der junge Mann. „Dankt nicht mir“, sagt Cassie und legt beide Hände dankbar an ihr Herz. Sie weiß nicht, was da passiert ist. Ich wache über euch, sage ich zu ihr. Sie horcht auf. Sie versteht die Botschaft, begreift aber nicht, wer sie sendet. Das macht nichts, denn ihr Gefühl hat erfasst, was ich bin und was ich tue. Für heute ist das völlig ausreichend.
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