Ich bin - das Bewusstsein. Meditation

Der Kosmos bewegt sich in vollkommenen Rhythmen. Die Bewegung darin ist für mich, das Bewusstsein, leicht erkennbar. Für die Menschen wirkt das Weltall ewig und unveränderlich. Das gibt ihnen Stabilität. Die Weite, die Präsenz, das stille Sein sind Dinge, wonach viele Menschen sich sehnen. Dabei sind sie in ihnen, sie haben nur, den Zugang dazu verloren.
Cassie geht das erste Mal zu einem Meditationskurs. Sie hat den Flyer am Fenster der Yogaschule in ihrer Straße gesehen und sich aus einer Laune heraus angemeldet.
Die Lehrerin begrüßt sie freundlich und aufmerksam. Cassie tut es ihr gleich und fühlt die Ruhe, die diese Frau ausstrahlt. Sie wird selbst ruhiger, allerdings bemerkt sie es nicht. Die Männer und Frauen dürfen sich einen bequemen Sitz aussuchen, entweder auf dem Boden, auf Sitzkissen oder Stühlen. Cassie wählt einen Stuhl und setzt sich an den Rand, der Gruppe zugewandt. Die Lehrerin beginnt mit Entspannungsübungen.
Cassie kann die einzelnen Körperteile gut scannen. Es fühlt sich alles normal an. Wenn sie nur sehen könnte, was ich sehe. Ihr Körper ist voller Anspannung. Zum Teil hat sie die schon seit Jahrzehnten. Sie ist so daran gewöhnt, sie weiß gar nicht mehr, wie sich Entspannung anfühlen kann. Ich sehe all den Stress, der sich seit ihrer Kindheit angesammelt hat. All die Situationen, die sie erschreckt haben, in denen sie nicht gehalten wurde. Die Geschichten, die sie gehört hat und nicht verarbeiten konnte. Die Schmerzen der Ahnen, die sie nicht einordnen konnte, weil nie darüber gesprochen wurde. Die Zeiten der Überforderung, in denen sie gegen die Umstände und die eigene Hilflosigkeit gekämpft hat. Cassie horcht auf. Ein Teil dieser Botschaft ist bei ihr angekommen.
Sie sieht ihr jüngeres Ich als alleinerziehende Mutter und Studentin in ihrer kleinen Küche sitzen. Als sie einen komplizierten Text zusammenfasst, hört sie die Tochter übers Babyphone weinen. Schon während sie aufsteht, entgleitet ihr der zentrale Gedanke des Textes, an dem sie arbeitet. Sie wird von vorn anfangen müssen. Sie spürt die Verzweiflung, weil sie auf der Stelle zu treten scheint. Wenn sie nur wüsste, was ich weiß. Um das Gefühl zu bewältigen, braucht sie nur liebevoll dranzubleiben. Doch diese Botschaft ist unbekannt für Cassie. Sie kommt nicht bei ihr an. Wohl aber bei der Meditationslehrerin.
Akzeptiere deine Gefühle, sei liebevoll mit ihnen, umschreibt sie meine Ermutigung und erreicht die Meditierenden. Cassie bleibt bei dem Gefühl der Verzweiflung und versucht, ihm liebevoll zuzulächeln. Sie spürt und lächelt zugleich. Tränen laufen ihr über die Wangen, aber sie wird nicht davon fortgerissen. Die Stimme der Kursleiterin, die einen ruhigen Atemrhythmus anleitet, ist tröstlich und empathisch. Cassie hört die anderen Teilnehmenden schluchzen und seufzen. Also lässt auch sie die Emotionen zu. Sie spürt immer mehr Mitgefühl für ihr jüngeres Ich und die Tränen versiegen. Es wird ruhig in ihr. Ihre Schultern entspannen, aber das bemerkt sie nicht. Sie bleibt noch bei ihrem Atem und der Ruhe, bis die Kursleiterin die Meditation beendet. Cassie wischt sich die Tränen ab und betrachtet die Umsitzenden. Alle haben ihre Erfahrungen gemacht und den Stress alter Erlebnisse überwunden. Damit haben sie sich selbst einen unschätzbaren Dienst erwiesen.
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