Ich bin - das Bewusstsein. Karriere

Die Klarheit und Ordnung des Universums sind vollkommen. Alles ist präsent; sei es strukturiert oder im Chaos, im Werden oder in der Auflösung. Ich, das Bewusstsein, kann das leicht überblicken. Für die Menschen ist das unfassbar. Sie erfreuen sich an der Schönheit und fürchten das Mysterium des Weltalls.
Die Erde mit ihren Naturgesetzen haben sie inzwischen gut verstanden. Sie haben auch eine gute Perspektive auf sich selbst und ihre Mitmenschen. Es wäre ihnen möglich, persönliche und gesellschaftliche Muster zu erkennen, doch oft ist ihr Blick nur auf die Oberfläche gerichtet.
Für Cassie ist ihr Ex-Mann, der Vater ihrer Kinder, ein Buch mit sieben Siegeln. Sie haben einander nie verstanden. Seit sie sich kennen, diskutieren und streiten sie. Dabei haben sie das Denken und Argumentieren von Grund auf gelernt, sind beide Professoren an der Uni geworden.
Die Tochter hat die beiden zum Kaffee eingeladen und verkündet: Sie will das Studium aufgeben. Der Vater ist empört und diskutiert die Tochter nieder. Cassie hält dagegen, obwohl sie seiner Meinung ist. Sie glaubt, damit ihre Tochter zu schützen. Wenn sie nur sehen könnte, was ich sehe. Für die Tochter sind die Eltern wie offene Bücher. Sie lehnt sich zurück und wartet, bis King Kong und Godzilla miteinander fertig sind. Genau so hat sie es geplant.
Cassie merkt auf. Sie hat meine Beobachtung aufgefangen. Sie schaut Tochter und Ex-Mann genauer an. Dieses Bild ist ihr vertraut und gleichzeitig fällt ihr etwas Neues auf. Der Ex versteckt sich hinter seinen nicht enden wollenden Worten. Die Argumente, die Cassie sich zurechtgelegt hat, machen nun keinen Sinn mehr. Nun hört sie ihm wirklich zu. Sie erkennt den Schmerz früherer Blamagen und seine Angst vor der Schande, wie es in ihrer Jugend hieß.
„Hast du Angst, das Gesicht zu verlieren, wenn deine Tochter keine Akademikerin wird?“, fragt Cassie und überrascht sich selbst mit dieser Frage. Er verstummt und sieht sie erstaunt an. Cassie erkennt, wie er mit sich ringt. Diese Wahrheit war ihm nicht bewusst, sie tut ihm gut, und gleichzeitig will er das nicht preisgeben. Das kann auch Cassie sehen und die Tochter, die das schon lange weiß.
„Ich bin froh, dass ihr euch selbst reflektiert“, sagt die Tochter nun. „Ich respektiere eure Vorstellungen von meiner beruflichen Zukunft und ich bitte ich euch, auch meine zu respektieren. Ich sehe mich als Körpertherapeutin und will auf diesem Gebiet Neues entdecken. Vielleicht werde ich, wenn ich genug Erfahrungen gesammelt habe, auch Bücher darüber schreiben. So wie ihr es tut.“
Der Vater ist besänftigt, die Tochter ist glücklich. Cassie freut sich über den Konsens. Sie will nicht wahrhaben, dass kein Argument den Konflikt gelöst hat, sondern ihr aktives Zuhören und eine einzige, eher intuitiv gestellte Frage. Diese Erkenntnis beunruhigt Cassie, denn sie widerspricht allem, was sie je über Meinungsverschiedenheiten gelernt hat. Sie wendet sich der Tochter zu und überhört meine Ankündigung, dass ihre Sicht auf die Welt sich noch viel weiter entwickeln wird.
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