Ich bin - das Bewusstsein. Joggen

Bewegung ist ein unverzichtbarer Aspekt im Universum. Für mich, das Bewusstsein, haben die Kreisbahnen der Planeten die Schönheit eines kosmischen Balletts. Die Menschen leben in ähnlichen Rhythmen, allerdings liegt ihr Augenmerk mehr auf der Vorwärtsbewegung als in Zyklen.
Cassie ist eine leidenschaftliche Läuferin. Sie fährt in den Grunewald, um sich auszupowern, in der Natur und an der frischen Luft zu sein. Schnell findet sie ihren Laufrhythmus und lässt ihre Gedanken zu den Mobbern an der Uni schweifen. Eine kleine Gruppe stellt sie und die anderen Professorinnen und Professoren systematisch auf die Probe. Sie sucht nach einer Lösung, wie sie mit den aggressiven Studenten umgehen soll. Als sie an einer Stelle voller Krokus vorbeiläuft, überlegt sie, die Studenten zu ignorieren. Auf einem dunklen Waldweg spielt sie die Situation durch, sie von der Vorlesung auszuschließen. Während sie auf einem breiten Weg schnell vorankommt, stellt sie sich vor, ihnen mit autoritärem Verhalten Paroli zu bieten. Es tut ihr gut, ihre Möglichkeiten zu betrachten, aber sie findet keine Lösung.
Wenn sie nur wüsste, was ich weiß. Ihre Gedanken fesseln sie an die Zukunft und hindern sie daran, die Erfahrungen des Konflikts komplett wahrzunehmen. Das regelmäßige, tiefe Atmen entspannt Cassie, aber sie ist nicht an ihre Emotionen angeschlossen. Denn das kann sie nur im Jetzt, im aktuellen Moment, sein. Ich weise sie mit Zeichen darauf hin, doch sie ist nicht bereit, hinzusehen.
Als sie für einen Moment aus ihren Gedanken auftaucht, lenke ich ihre Aufmerksamkeit auf einen kleinen Waldweg. Meine Botschaft kommt bei ihr an und sie biegt dort ein. Der Boden ist übersät von Baumwurzeln. Nun muss sie auf ihre Füße achten, um nicht zu stolpern. Sie will die unliebsamen Gefühle, die ihr Körper ihr schon die ganze Zeit zeigen will, nicht wahrhaben. Also versenkt sie sich wieder in ihre Gedanken, genießt deren Vielfalt und findet es normal, dass sie sich dabei im Kreis dreht.
Da übersieht sie eine Baumwurzel, stolpert und fällt hin. Ein stechender Schmerz zieht in ihr Knie. Die Gedanken verschwinden. Sie liegt auf dem unebenen, warmen Boden. Die Gefühle, die sie bei den Gedanken an die Mobber verdrängt hat, brechen sich Bahn. Sie spürt eine Mischung aus Hilflosigkeit, Angst, Wut und den Wunsch nach Gerechtigkeit. Sie hält die Gefühle für eine Reaktion auf den Sturz und wundert sich darüber. Auch wenn es ein Missverständnis ist, nimmt sie die Emotionen einen Moment lang wahr. Sie weiß nicht, dass das schon ein Gewinn ist.
Als der Schock abgeklungen ist, steht sie vorsichtig auf. Das Knie ist bis auf eine Schürfwunde nicht verletzt. Sie joggt langsam weiter. Ihre Aufmerksamkeit ist jetzt auf die Baumwurzeln und ihr Knie gerichtet. Die für sie unsinnigen Emotionen hallen in ihr nach. Ihr Geist wird ruhig. Sie kommt im Hier und Jetzt an. Plötzlich hat sie die Idee, den Mobbern einmal richtig zuzuhören, ihnen Raum zu geben, damit sie sagen können, worum es ihnen wirklich geht. Es kommt ihr vor, wie ein Geistesblitz, dabei war die Idee die ganze Zeit da. Sie war nur verschüttet unter all den Szenarien, mit denen sie sich normalerweise beschäftigt.
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