Ich bin - das Bewusstsein. Hinsehen

Die Zerstörungs- und Gestaltungskraft des Universums ist immens. Bei einer Supernova explodiert ein massereicher Stern. Es werden unfassbare Mengen an Energie in Form von Gasen und Strahlungen ins Weltall geschleudert. Aus dem Chaos bilden sich neue Strukturen von Materie. Solche Transformationen habe ich, das Bewusstsein, schon häufig erlebt.
Auf der Erde gehören Zerstörung und Neubeginn ebenfalls zusammen. Nach einem Vulkanausbruch entsteht aus der anfänglichen Ödnis ein neues Ökosystem. Die Menschen widersetzen sich diesem Kreislauf. Sie erschaffen Bauten für die Ewigkeit und bewahren Ruinen, um sich zu erinnern - an Gutes und an Schlechtes.
Die Mittfünfzigerin Cassie kann Bilder von Verwüstung und Chaos nicht mehr ertragen. Sie wischt sie auf dem Handy weg. Wenn sie nur wüsste, was ich weiß. Ohne Zerstörung kann es keine Entwicklung geben. Die Destruktivität und die Kreativität sind die beiden Seiten der gleichen Medaille.
Cassie fängt meine Botschaft auf. Sie betrachtet das Bild einer zerbombten Stadt, die weit von ihrem Zuhause entfernt liegt. Sie denkt an die Menschen, die Hab und Gut, vielleicht sogar ihr Leben darin verloren haben. Das verursacht Schmerz in ihrem Körper. Es kommen mehrere Gefühle zusammen. Der Schock über die Vergänglichkeit. Die Verzweiflung über den Verlust. Die Angst, dass ihr selbst so etwas passieren könnte. Obwohl sie selbst noch nie so etwas erlebt hat, fühlt es sich so an, als wäre es für sie real. Es geht weit über das Mitgefühl mit den Opfern hinaus. Plötzlich wird ihr klar, dass nicht das Bild sie unerträglich sind, sondern ihre eigenen Gefühle, die dadurch an die Oberfläche geholt werden.
Sie sieht das Bild noch mal an. In den Trümmern liegt ein Kinderfahrrad. Entsetzt legt sie das Handy weg. Sie weiß nicht, dass auf dem Bild kein Fahrrad zu sehen ist. Ihr Geist hat es dorthin projiziert, weil ihr Vater ihr oft von einer Bombennacht erzählt hat, die er als Kind in Bremen erlebt hatte. Als er am nächsten Tag aus dem Bunker nach Hause wollte, gab es kein Haus mehr. Alles war zerstört, bis auf sein Fahrrad, das noch auf der Straße gelegen hatte.
Cassie hält unwillkürlich den Atem an. So viel Schmerz, Verzweiflung und Entsetzen kann sie nicht ertragen. Sie greift nach der Schokolade auf dem Tisch. Der zarte Schmelz auf der Zunge beruhigt sie, der Kakao gibt ihr Kraft, der Zucker lenkt sie ab. Die schmerzhaften Gefühle verschwinden. Sie macht den Fernseher an und sieht sich einen romantischen Film an.
Sie weiß nicht, dass sie die Tür zu dem Ort, an dem alle Gefühle verborgen sind, einen Spalt weit geöffnet hat. Dort kann sie alles finden, was sie selbst, ihre Ahnen und die ganze Menschheit je gespürt hat. Von dort aus kann sie alles transformieren, wenn sie es will. Sie hat die Wahl.
Deine Anmerkung zu diesem Beitrag?