Ich bin - das Bewusstsein. Disput

Das Recht des Stärkeren ist im Universum überflüssig, denn alles hat seinen Ort und seine Zeit. Die Sonnensysteme, Planeten und Meteoriten haben ihre Existenzberechtigung und gehen ihren Weg.
Auf der Erde sieht das größtenteils ähnlich aus. Es wird um Nahrung oder gegen Konkurrenz im Revier gekämpft, doch die Tiere hören auf, sobald das Ziel erreicht ist. Die Menschheit fällt hier aus dem Rahmen. Dort kämpft man auch aus Gier, aus Machtstreben oder um Berühmtheit. Dann kann das Gemeinwohl leiden.
Cassie fühlt sich als Professorin verpflichtet, ihre Studierenden gerecht zu behandeln und jeden jungen Menschen in seinen Talenten zu sehen und zu fördern. Doch seit einiger Zeit hat sich der Ton in der Uni verschärft. Eine kleine Gruppe um einen Jungen namens Ronald spielt sich auf, mobbt andere und stört den Lehrbetrieb. Dabei hat Cassie kein Problem mit Auseinandersetzungen. In der Wissenschaft geht es um Meinungsverschiedenheiten, darum, unterschiedliche Ansätze zu erforschen, respektvoll zu debattieren, neue Ideen und Erkenntnisse entstehen zu lassen.
Ronald und seine Freunde besuchen eins von Cassies Seminaren. Es geht nicht lange gut, dann beleidigen sie einen jungen Studenten, der versucht, einen philosophischen Moralbegriff zu beschreiben. Cassie ist wütend und will Ronald und seine Freunde aus dem Hörsaal schicken. Wenn sie nur wüsste, was ich weiß. Ronald hat keine Empathie, er genießt es zu zerstören. Cassie hört meine Botschaft nicht. Sie nimmt einige Din-A-4-Blätter und legt sie Ronald und seinen Freunden hin. „Bitte schreiben Sie Ihre Meinung in Form eines Slogans auf. Als wäre das Blatt ein Transparent für eine Demo.“ Sie wartet, bis die drei geschrieben haben.
„Sie haben jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder Sie gehen auf die Straße, halten die Blätter hoch und skandieren Ihre Parolen oder Sie treten hier in den wissenschaftlichen Disput über die Thesen des Textes. Ihre Entscheidung.“
Ronald steht auf, hält sein Plakat in die Höhe und skandiert die Parole. Er hat sich eine dritte Möglichkeit geschaffen. Ein schlauer Schachzug. Cassie weiß noch nicht, was sie tun soll. Sie atmet tief durch und wartet auf eine Idee. Dabei braucht sie nur Geduld. Sie lächelt, als hätte sie das mitbekommen. Der junge Mann ruft mehrfach seine Parole, doch keiner macht mit. Stattdessen checken alle ihre Social Media Accounts.
„Das werden Sie bereuen“, zischt er Cassie zu. Dann verlässt er geräuschvoll den Saal. Cassie ignoriert die Drohung. Ich sehe allerdings, wie ihr Bauch und ihr Brust sich unmerklich zusammenziehen. Meine Botschaft, sie möge sich entspannen, kommt nicht an. Die Einschüchterung hat sich verfangen, ihren Körper verengt und wird sich in Zukunft auf ihr Sicherheitsgefühl und ihre Körperhaltung auswirken. Ich gebe ihr noch mehrfach Zeichen, den Bauch und die Brust wieder loszulassen, doch sie versteht es nicht. Die winzige Anspannung ihrer Vorderseite verfestigt sich, hält sich noch, als Cassie nach Hause und später ins Bett geht. In Zukunft wird sie immer da sein und Cassies Radius permanent einschränken.
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