Ich bin - das Bewusstsein. Demonstrieren

Das Universum ist durchdrungen von Informationen. Alle existieren gleichzeitig und sind in Wellenform hinterlegt. Das System ist vollkommen. Es existiert nur die Gegenwart, doch die Vergangenheit und die Zukunft werden ebenfalls abgebildet.

Ich, das Bewusstsein, bin die Summe alldessen, kann jederzeit auf alles zugreifen, alles sehen und alles vermitteln. Für die Menschen ist das nicht fassbar. Die Menge der Informationen überfordert sie und die Gleichzeitigkeit widerspricht ihrem Empfinden von linearer Zeit.

Cassie ist sich der Vergangenheit ihrer Gesellschaft sehr bewusst. Als Professorin kennt sie die Geschichte des Landes sehr gut. Die Parallelen zwischen den 1920er- und 2020er-Jahren beunruhigen sie. Ihre Tochter und deren Freund sind zu Besuch. Der junge Mann teilt Cassies Befürchtungen und schlägt vor, dass sie ihn zu einer Demo begleiten. Doch Mutter und Tochter zögern. Cassie war in den 1980ern ein paar Mal demonstrieren, aber danach nicht mehr. Dabei hätte es Möglichkeiten gegeben. Ihre Tochter war noch nie auf einer Demo. DerFreund staunt. „Hattest du noch nie den Wunsch, zu zeigen, dass du mit etwas nicht einverstanden bist?“

Die Tochter schüttelt unglücklich den Kopf. „Den Wunsch schon, aber ich habe Angst.“ Cassie nickt. Sie kennt diese Angst. Angst, verhaftet zu werden. Die Sorge verraten zu werden. Es ist eine existenzielle Angst, wie in einer Gewaltherrschaft zu leben. Als würden Menschen von der Straße geholt und verschleppt. Sie kennt so etwas aus Filmen oder Dokumentationen, hat so etwas aber noch nie miterlebt.

Wenn sie nur wüsste, was ich weiß. Ihr Urgroßvater, den sie nie kennengelernt hat, war aktiver Kommunist. 1930 nahm er an der berüchtigten Demo am 1. Mai in Berlin teil, bei der es zu Schießereien kam. Er bliebt unverletzt, wurde aber später ins Gefängnis gesteckt. Cassie fängt meine Botschaft auf und erinnert sich an eine Geschichte, die ihre Großmutter erzählt hat. „Uropa war als politischer Gefangener in Haft“, flüstert Cassie.

Der Freund sieht die Tochter mitfühlend an. „Willst du deswegen nicht auf Demos gehen?“ Sie überlegt. „Ich kannte die Geschichte nicht. Gleichwohl habe ich wirklich Angst, dass was Schlimmes passiert, wenn ich auf die Straße gehe.“

„Es ist inzwischen bewiesen, dass Ängste vererbt werden können“, sagt der junge Mann. „Das klingt nach der Angst deiner Ahnen.“ Diese Aussage ist sehr vereinfacht, aber Cassie und ihre Tochter halten das für möglich. Sie hadern mit ihrer geerbten Angst und den neuen Informationen.

In der Menge der Demonstrierenden sind sie nervös. Sie zucken zusammen, wenn jemand schreit oder wenn es knallt. Sie beobachten die Polizisten, die den Zug aufmerksam und still begleiten, dabei denken sie an ihren Vorfahren, der unter Beschuss geraten ist. Sie überwinden mit jedem Schritt die Angst und laufen entspannt zur Abschlusskundgebung. Es ist ihnen nicht bewusst, dass sie gerade einen Aspekt eines Generationstraumas überwunden haben.

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